13. April 2022
4 min
Umweg über Ungarn

Ein durchschnittlicher NC. Kein Latinum. Noch nicht einmal naturwissenschaftliche Fächer in den Leistungskursen. Und trotzdem ist Sophia Ärztin geworden. Statt lange auf ihren Wunschstudienplatz zu warten, hat sie sich für einen Studienstart im Ausland entschieden. Leicht war es nicht. Und trotzdem eine verdammt gute Zeit!

Tierärztin Hund Untersuchung
interview
Bild: © storyset
„Du willst es wirklich? Dann mach es. Aber nur dann!“

Sophia, du hast die ersten Semester deines Tiermedizinstudiums in Budapest absolviert. Wie und warum hat es dich denn dorthin verschlagen?

Mir war klar, dass es mit meinem 2,9er Abi fast unmöglich werden würde, einen Studienplatz in Deutschland zu bekommen. Außerdem wollte ich sowieso gern ins Ausland und habe mir nur kein Auslandsjahr gegönnt, weil ich in der neunten Klasse sitzengeblieben bin und nicht noch mehr Zeit verlieren wollte. Als ich von der Möglichkeit erfahren habe, im Ausland unmittelbar ein Tiermedizinstudium beginnen zu können, war das die perfekte Möglichkeit für mich, beide Wünsche miteinander zu verbinden.

Und dann hast du dich einfach beworben, oder wie läuft das?

Genau. Ich hatte Ungarn und die Niederlande im Blick, aber für Holland fehlte mir das naturwissenschaftliche Fach im Leistungskurs. Für die Bewerbung in Budapest benötigte ich ein Empfehlungsschreiben und eine Praktikumsbescheinigung, und hatte dann recht schnell einen Platz. Ich hatte das Glück, dass mein Cousin auch kurzzeitig dachte, er möchte Tierarzt werden. Dementsprechend hatte ich schon einen WG-Partner. Der Sohn unseres Tierarztes (Sophias Eltern führen einen Milchviehbetrieb, Anm. d. Red.) hatte auch kein berauschendes Abi, und so war er sofort begeistert, als ich ihm von meinen Plänen erzählt habe. Wir sind dann zu dritt mit nem Bulli nach Ungarn gefahren – und dort geblieben.

Tierärztin Frau fröhlich Pferd

Unsere Interviewpartnerin: Heute ist Sophia Tierärztin im Tierärztlichen Zentrum Belm und gerade in der Weiterbildung zur Fachtierärztin für Pferde. 

Bild: © privat

 

Wie habt ihr denn eine Wohnung gefunden?

Das lief über College International und war total einfach. Wir waren ja gerade 18 und hatten keinen Plan von nichts, und trotzdem hatten wir dank guter Unterstützung recht schnell eine tolle Wohnung in einem ordentlichen Viertel. Und das ist wichtig, denn es gibt in Budapest auch Viertel, in denen man lieber nicht wohnen oder als Frau allein auf die Straße gehen sollte … So sicher wie in Deutschland ist es dort einfach nicht. Unsere WG war toll, wir hatten genug Platz, um Partys auszurichten!

Wie hast du das Studium empfunden?

Für mich war es sehr anspruchsvoll. Ich war schon von meinen Voraussetzungen her kein klassischer Medizinstudent und habe wahnsinnig viel Druck verspürt. Die Studiengebühren sind sehr hoch, das hat man immer im Kopf. Der Stoff ist anspruchsvoll und man muss unheimlich viel Fleiß zeigen. Aber darf sich darin auch nicht verlieren und nicht komplett aufs Leben verzichten – dann wird es nur noch schwerer, zumindest war das bei mir so. Ein Ausgleich ist schon wichtig. Und trotzdem, trotz all dem Druck, würde ich es immer wieder so machen. Das Leben als Studentin in Budapest war schon wahnsinnig cool. Kein Zuckerschlecken, aber eine tolle Lebenserfahrung.

Es gibt bestimmt vieles, das im Ausland anders läuft. Hast du ein Beispiel?

Ja, sogar ein sehr wichtiges! Ich habe über den ganzen Druck eine Prüfungsangst entwickelt und bin schließlich in Anatomie und Biochemie durchgefallen. Dreimal – in Deutschland wäre das das Aus gewesen! In Budapest gibt es die Möglichkeit, ein sogenanntes inaktives Jahr einzulegen. Man bezahlt dann auch nur einen Teil der Studienkosten. Ich habe das Jahr genutzt, um nach Deutschland zu wechseln. Ich habe mich in Gießen beworben und dort auch eine Zusage erhalten. In Budapest wäre nach dem Physikum das Studium auf Englisch weitergegangen, das wäre für mich zu viel gewesen.

Was rätst du anderen in deiner Situation?

Du willst es wirklich? Dann mach es. Aber nur dann! Das Studium an sich ist ein verdammt harter Weg, auf dem man sich häufig selbst im Weg steht. Gar nicht unbedingt, weil es so schwer ist, sondern einfach, weil es viel ist. Der Druck ist sehr hoch. Im Nachhinein war es eine richtig, richtig tolle Zeit. Mit viel Freude. Vielen Tränen. Und eben auch vielen Menschen, die es nicht geschafft haben. Ich finde es wichtig, dass man sich darüber im Klaren ist, dass es kein leichter Weg wird. Und doch: Selbst ich, die ganz sicher keine Vorzeigestudentin war, habe am Ende einen guten Abschluss gemacht und habe jetzt einen tollen Job. Ich liebe meinen Beruf sehr und bin sicher, dass ich gut darin bin. Der Weg hat sich also gelohnt! Und eines rate ich auch immer:

„Vergesst bei all dem Lernen das Leben nicht. Und das Feiern. Denn das ist es doch was einem Kraft gibt - und am Ende am meisten in Erinnerung bleibt!“